Delegation braucht Digitalisierung: Wie Physician Assistants die Hausarztpraxis verändern – Prof. Wolfgang von Meißner
Delegation braucht Digitalisierung – wie Physician Assistants die Hausarztpraxis verändern
Zu Gast: Prof. Wolfgang C. G. von Meißner (Hausärzte am Spritzenhaus, CBS University of Applied Sciences) · Moderation: Christoph Nitz
Darum geht es in dieser Folge
Digitalisierung entlastet eine Hausarztpraxis erst, wenn aus digitalen Eingängen klare Aufgaben, Zuständigkeiten und Entscheidungen werden. Prof. Wolfgang C. G. von Meißner, Hausarzt in Baiersbronn und Professor für Physician Assistance, erklärt, warum Digitalisierung und Delegation zusammengehören, wie asynchrones Arbeiten das Praxisteam entlasten kann und weshalb Physician Assistants künftig auch komplexere Patientinnen und Patienten longitudinal begleiten können. Er fordert ein Berufsgesetz mit einheitlichen Standards und einen klaren Delegationsrahmen – und beschreibt, wie eine Plattform die Patientensteuerung zwischen Haus- und Fachärzten verbessern könnte.
Das Wichtigste in Kürze
Digitalisierung plus Delegation: Digitale Prozesse allein sparen noch keine ärztliche Zeit. Wenn jede Aufgabe aus dem digitalen Posteingang am Ende beim Arzt landet, wird Arbeit lediglich verlagert. Entscheidend sind klare Zuständigkeiten im Team.
Asynchron arbeiten: Nicht jede Versorgung braucht den gleichzeitigen Kontakt zwischen Patient und Behandler. Chats, Bilder oder Videosequenzen können im Team schrittweise bearbeitet werden, bevor eine ärztliche Entscheidung notwendig wird.
Ende-zu-Ende statt Einzellösung: Ein digitalisiertes Telefonat bringt wenig, wenn anschließend nur ein Transkript in einem Ordner landet. Aus dem Anliegen muss eine Folgehandlung entstehen – beispielsweise die Vorbereitung eines Rezepts oder einer Überweisung.
Was Patientinnen und Patienten annehmen: Neue digitale Prozesse funktionieren nach von Meißners Erfahrung dann, wenn sie einfacher und schneller sind als der bisherige Weg. Das gilt für die Patientinnen und Patienten ebenso wie für das Praxisteam.
Die digitalste Praxis Deutschlands: In Freudenstadt planen die Hausärzte am Spritzenhaus einen neuen Standort. Bis zur Eröffnung sollen die bereits digitalisierten Abläufe in Baiersbronn weiter optimiert werden. Von Meißners Anspruch: mit einer besonders weitgehend digitalisierten Praxis zu starten.
Versorgung trotz Demografie: Die Hausärzte am Spritzenhaus haben Daten für die Potenzialanalyse der Bertelsmann Stiftung geliefert. Von Meißners Schlussfolgerung: Werden Praxen konsequent multiprofessionell organisiert und Digitalisierung und Delegation ausgebaut, kann die hausärztliche Versorgung trotz knapper werdender ärztlicher Ressourcen aufrechterhalten werden – allerdings anders als heute.
Berufsgesetz für Physician Assistants: Von Meißner fordert einen regulierten Beruf mit einheitlicher Prüfung und Prüfungsordnung. Wo Physician Assistant draufsteht, müsse auch eine verlässlich definierte Qualifikation dahinterstehen.
Studium und Fortbildung: Mit dem Bachelor darf die Qualifizierung nicht enden. Von Meißner sieht Bedarf für weiterentwickelte Masterstudiengänge, Spezialisierungen und eine verbindliche kontinuierliche Fortbildung.
Delegationsrahmen: Neben dem Berufsgesetz braucht es klare Regeln für die Berufsausübung. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg arbeitet gemeinsam mit der Universität Heidelberg an Standard Operating Procedures für den Einsatz von Physician Assistants in den HÄPPI-Praxen.
Patientensteuerung in ärztlicher Hand: Eine geplante Plattform soll die Vermittlung zwischen Haus- und Fachärzten unterstützen. Hausarztpraxen kennen Krankengeschichte, Laborwerte und Lebensumfeld und können deshalb die Ersteinschätzung übernehmen und gezielt fachärztliche Expertise hinzuziehen.
Zitate aus der Folge
»Nichts kann analoge menschliche Zeit ersetzen.«
»Wir können die Patientenversorgung aufrechterhalten. Sie wird anders sein.«
»Der richtige Patient muss zur richtigen Zeit, in der richtigen Ebene, beim richtig qualifizierten Behandler sein.«
Über Wolfgang C. G. von Meißner
Wolfgang C. G. von Meißner ist Facharzt für Anästhesiologie und Allgemeinmedizin und arbeitet seit 2014 bei den Hausärzten am Spritzenhaus in Baiersbronn. Seit 2023 ist er Professor für Physician Assistance an der CBS University of Applied Sciences. Im Hausärztinnen- und Hausärzteverband Baden-Württemberg ist er kooptiertes Vorstandsmitglied für Digitalisierung. Beim dritten Physician Assistant Kongress der DGPA in Wuppertal sprach er über Delegation und Digitalisierung.
Über die Hausärzte am Spritzenhaus
Die Hausärzte am Spritzenhaus in Baiersbronn sind eine Praxisgemeinschaft aus zwei inhabergeführten Berufsausübungsgemeinschaften. Zum Team gehören sieben Ärztinnen und Ärzte, drei Physician Assistants und 14 Medizinische Fachangestellte. Die Praxis ist akademische Lehrpraxis der Universitäten Heidelberg und Tübingen. Daten aus der Praxis sind in die Potenzialanalyse der Bertelsmann Stiftung zum Einsatz weitergebildeter und akademisierter Praxisassistenzberufe in der hausärztlichen Versorgung eingeflossen.
FAQ zur Folge
Warum müssen Digitalisierung und Delegation zusammengedacht werden?
Weil Digitalisierung allein Arbeit nicht automatisch reduziert. Wenn ein digital eingehendes Anliegen am Ende wieder vollständig vom Arzt bearbeitet werden muss, entsteht lediglich eine neue digitale Warteschlange. Erst eine klare Aufgabenverteilung im Praxisteam schafft Entlastung.
Was bedeutet asynchrones Arbeiten in der Hausarztpraxis?
Patient und Behandler müssen nicht gleichzeitig miteinander kommunizieren. Informationen, Bilder oder Videosequenzen können digital übermittelt und im Praxisteam schrittweise bearbeitet werden. Die ärztliche Entscheidung erfolgt dort, wo sie tatsächlich notwendig ist.
Was fehlt für Physician Assistants in Deutschland?
Von Meißner fordert vor allem ein Berufsgesetz mit einheitlicher Prüfung und Prüfungsordnung sowie einen klaren rechtlichen Rahmen für die Berufsausübung und Delegation. Hinzukommen sollen strukturierte Weiterbildungs- und Fortbildungsangebote.
Können Physician Assistants helfen, den Hausärztemangel abzufedern?
Von Meißner ist davon überzeugt. Die Potenzialanalyse der Bertelsmann Stiftung zeigt Möglichkeiten, ärztliche Aufgaben stärker im Team zu verteilen. Voraussetzung sind qualifizierte Mitarbeitende, geeignete digitale Prozesse und klar geregelte ärztliche Verantwortung.
Was soll die geplante Plattform für die Patientensteuerung leisten?
Sie soll insbesondere die Vermittlung zwischen Haus- und Fachärzten unterstützen. Die Ersteinschätzung soll aus der hausärztlichen Versorgung heraus erfolgen und bei Bedarf gezielt mit fachärztlicher Expertise verbunden werden.
Links und weiterführende Informationen
- Hausärzte am Spritzenhaus Website der Praxis
- CBS University of Applied Sciences: Physician Assistance B.Sc. Informationen zum Studiengang
- Bertelsmann Stiftung: »Delegation im Praxisteam – ein starker Hebel für die Sicherung der Versorgung« Potenzialanalyse vom 2. März 2026
- Bundesärztekammer: Physician Assistance – ein etabliertes Berufsbild im deutschen Gesundheitswesen Positionspapier zum Berufsbild
- Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants DGPA DGPA
- EinBlick beim Gesundheitsmanagement der Berlin-Chemie Alle EinBlick-Angebote
Kommentare
Neuer Kommentar