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Blutdruck senken, Lebensjahre gewinnen: Was Smartwatches dazu beitragen – Prof. Christina Magnussen (UKE Hamburg)

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Blutdruck senken, Lebensjahre gewinnen – was Smartwatches dazu beitragen

Zu Gast: Prof. Christina Magnussen (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf UKE) · Moderation: Christoph Nitz

Darum geht es in dieser Folge

Etwa jede dritte erwachsene Person in Deutschland hat Bluthochdruck, viele wissen nichts davon. Prof. Christina Magnussen, Professorin und stellvertretende Direktorin der Klinik für Kardiologie am UKE, erklärt, was die Warnung einer Smartwatch leistet, welche Nachweise neue Messverfahren ohne Manschette erbringen müssen und warum der Blutdruck auch in Apotheken, Drogeriemärkten oder Behörden gemessen werden könnte. Von Gesundheitsminister Carsten Linnemann wünscht sie sich ein systematisches, risikoadaptiertes Blutdruckscreening ab dem jungen Erwachsenenalter.

Das Wichtigste in Kürze

  • Unerkannt: Bluthochdruck verursacht lange keine Beschwerden. Viele erhalten die Diagnose erst bei einer Zufallsmessung oder wenn schon ein Schlaganfall oder Herzinfarkt eingetreten ist. Magnussen fordert niederschwellige, wiederholte Messungen zu Hause, in der Apotheke und in der Arztpraxis.
  • Gesunde Jahre: Eine bessere Blutdruckkontrolle in der Lebensmitte bringt laut Magnussens Studie im New England Journal of Medicine rechnerisch 2,4 Jahre ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung bei Frauen und 1,2 bei Männern. Die Werte beruhen auf Bevölkerungsdaten und sind keine Garantie für den Einzelnen.
  • Frauen: In klinischen Herz-Kreislauf-Studien sind Frauen unterrepräsentiert. Populationsbasierte Daten bilden beide Geschlechter je zur Hälfte ab und erlauben Analysen nach Geschlecht.
  • Smartwatch: Die Uhren messen keinen Blutdruck, sie werten über einen Monat die Daten ihres optischen Sensors aus. Als Screening-Instrument sind sie interessant. Ein Hinweis der Uhr ist aber keine Diagnose, und ein fehlender Hinweis schließt Bluthochdruck nicht aus.
  • Standard: Für Diagnose und Therapie bleibt die validierte Messung mit der Oberarmmanschette maßgeblich. Europäische Empfehlungen sehen manschettenlose Verfahren noch nicht als Grundlage klinischer Entscheidungen.
  • Nachweis: Jede neue Technologie braucht Validierungsstudien gegen die Oberarmmessung unter Alltagsbedingungen. Eine CE-Zertifizierung reicht dafür nicht aus.
  • Anlaufstellen: Hausarztpraxen fehlen Zeit und Personal, um alle Gesunden zum Blutdruckmessen zu empfangen. Magnussen nennt Apotheken, vielleicht sogar Drogeriemärkte oder Behörden wie das Finanzamt. Für auffällige Werte bliebe die Hausarztpraxis die primäre Anlaufstelle.
  • Diagnose: Ein erhöhter Messwert ist noch kein Bluthochdruck, für die Diagnose sollte auch eine 24-Stunden-Messung erfolgen. Ist ein Wert über 140 zu 90 bestätigt, steht zuerst eine Änderung des Lebensstils an, mit mediterraner, ballaststoffreicher Ernährung und ausreichend Bewegung.
  • Medikamente: Bei Werten um 170 bis 180 reicht der Lebensstil allein wahrscheinlich nicht. Je nach Herz-Kreislauf-Risiko, etwa bei chronischer Nierenschwäche oder nach einem Herzinfarkt, beginnt die Behandlung mit Medikamenten früher.
  • Lebensstil: Nur mit Medikamenten und ohne weitere Änderungen lässt sich das Risiko nicht relevant senken. Ein gesunder Lebensstil senkt auch das Risiko für Nierenerkrankungen, Schlaganfall und Demenz.
  • Sport: Nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall empfiehlt Magnussen regelmäßiges, moderates Ausdauertraining, am besten mit Pulsuhr und ohne Spitzenbelastungen. Kraftsport erhält die Muskelmasse; aus kardiologischer Sicht sollten sich beide Trainingsformen die Waage halten.
  • Prävention: Die klassischen Risikofaktoren sind auch Risikofaktoren für Demenz, das Rauchen etwa für Lungenkrebs. Aus dem EU Safe Hearts Plan, den die EU-Kommission im Dezember 2025 vorgestellt hat, sollen nationale Herz-Kreislauf-Pläne folgen; die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie arbeitet daran.
  • Politik: Das Gesundes-Herz-Gesetz des früheren Gesundheitsministers Karl Lauterbach hatte aus Magnussens Sicht gute Ansätze, aber auch viele Kritikpunkte. Von Gesundheitsminister Carsten Linnemann wünscht sie sich ein systematisches, niederschwelliges Blutdruckscreening ab dem jungen Erwachsenenalter, risikoadaptiert.

Kapitelmarken

  • (00:00) Begrüßung und Vorstellung
  • (01:44) Bluthochdruck – lange ohne Beschwerden
  • (02:31) Mehr gesunde Jahre durch Blutdruckkontrolle in der Lebensmitte
  • (03:37) Frauen in Herz-Kreislauf-Studien
  • (04:35) Was die Warnung der Smartwatch leistet
  • (05:59) Was neue Messgeräte nachweisen müssen
  • (07:27) Blutdruckmessen außerhalb der Arztpraxis
  • (08:47) Apotheken, Drogerien und das Ziel Früherkennung
  • (10:22) Nach der Diagnose – Lebensstil und Medikamente
  • (12:20) Kein Wundermittel – warum der Lebensstil zählt
  • (13:53) Ausdauer- und Kraftsport
  • (15:15) Ein Wunsch an Gesundheitsminister Linnemann
  • (16:47) Prävention und der EU Safe Hearts Plan
  • (18:19) Verabschiedung und Abmoderation

Zitate aus der Folge

»Ein fehlender Hinweis schließt Bluthochdruck nicht aus.«

»Auch eine CE-Zertifizierung eines Devices reicht da nicht aus.«

»Wir wissen, wie man den Blutdruck misst, und wir wissen, wie man den Blutdruck behandelt. Aber offenbar schaffen wir es trotzdem nicht.«

Über Christina Magnussen

Christina Magnussen ist Professorin und stellvertretende Direktorin der Klinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf UKE. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie im April 2026 hat sie eingeordnet, was Smartwatches bei der Früherkennung von Bluthochdruck leisten.

Über das Universitäre Herz- und Gefäßzentrum Hamburg

Das Universitäre Herz- und Gefäßzentrum Hamburg am UKE vereint 4 Kliniken, von der Kardiologie bis zur Kinderherzmedizin. Mit 270 Betten versorgt es jährlich 10.200 stationäre Patientinnen und Patienten. Sein ärztlicher Direktor Stefan Blankenberg hat gemeinsam mit Christina Magnussen die weltweite Studie zu den Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen veröffentlicht.

FAQ zur Folge

Kann eine Smartwatch Bluthochdruck erkennen? Smartwatches messen keinen Blutdruck. Sie werten über einen Monat die Daten ihres optischen Sensors aus und warnen bei Hinweisen auf Bluthochdruck. Magnussen sieht sie derzeit vor allem als Screening-Instrument, das Menschen finden kann, bei denen eine konventionelle Messung sinnvoll ist. Ein Hinweis der Uhr ist keine Diagnose, ein fehlender Hinweis schließt Bluthochdruck nicht aus.

Warum reicht eine CE-Zertifizierung nicht? Neue Messverfahren, ob Uhr oder Ring, müssen in Validierungsstudien vergleichbare Werte wie die Messung mit der Oberarmmanschette liefern, die der Referenzwert bleibt. Nach Magnussens Worten braucht es dafür klinische Studien mit Probandinnen und Probanden unter Alltagsbedingungen. Erst dann hat eine neue Technologie klinischen Nutzen.

Wo sollte der Blutdruck gemessen werden? Niederschwellig und wiederholt: zu Hause, in der Apotheke und in der Arztpraxis. Magnussen schlägt außerdem Drogeriemärkte und Behörden wie das Finanzamt vor, wo alle Menschen einmal hinmüssen. Mit auffälligen Werten geht es dann in die Hausarztpraxis.

Ab welchem Wert spricht man von Bluthochdruck? Nach Magnussens Angaben ab einem bestätigten Wert über 140 zu 90; für die Diagnose sollte auch eine 24-Stunden-Blutdruckmessung erfolgen. Ein einzelner erhöhter Messwert ist noch kein Bluthochdruck.

Welche Maßnahme wünscht sich Magnussen von Gesundheitsminister Carsten Linnemann? Ein systematisches, niederschwelliges Blutdruckscreening ab dem jungen Erwachsenenalter, risikoadaptiert: nicht für jeden 20-Jährigen, aber bei Vorbelastung in der Familie oder bei Erkrankungen, die das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen.

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