Reparieren statt Vorbeugen – warum Deutschlands Herzvorsorge ein Update braucht – Udo Schauer (ImPuls.Think Tank)
Weltmeister im Reparieren – warum Deutschlands Herzvorsorge ein Update braucht Zu Gast: Udo Schauder (ImPuls Think Tank Herz-Kreislauf) Moderation: Christoph Nitz
Darum geht es in dieser Folge Deutschland gibt pro Kopf fast am meisten Geld für Gesundheit in der EU aus, liegt bei der Herzgesundheit aber seit Jahrzehnten im europäischen Mittelfeld. Udo Schauder, Mitinitiator und Vorsitzender des ImPuls Think Tank Herz-Kreislauf, erklärt, warum das System die Behandlung stärker belohnt als die Vermeidung, was eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe und Werbebeschränkungen bewirken könnten, was Norwegen, Frankreich und Dänemark anders machen – und warum ein nationales Programm zur Senkung des Blutdrucks für ihn die eine Maßnahme wäre, die die Bundesregierung jetzt anpacken sollte.
Das Wichtigste in Kürze
Kosten: Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mit rund 64 Mrd. Euro jährlich die größte Position im deutschen Gesundheitswesen.
EU-Ziele: Der EU Safe Hearts Plan will, dass bis 2035 75 % der 25- bis 64-Jährigen und 90 % der über 65-Jährigen jährlich den Blutdruck messen lassen – ähnliche Zielquoten gelten für Cholesterin und Blutzucker; das Ganze soll in nationale Herz-Kreislauf-Pläne münden.
Systemfrage: Das deutsche System belohnt die Behandlung stärker als die Vermeidung – es wurzelt im Krankenversicherungsgesetz von 1883, das die Arbeitsfähigkeit in den Mittelpunkt stellte, nicht die Gesunderhaltung. Dazu kommen große soziale Unterschiede bei den Risikofaktoren.
Hebel: weniger Werbung für stark zucker-, fett- oder salzhaltige Produkte, besonders bei Kindern; eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe, deren Einnahmen in die Prävention fließen (z. B. Bundesstiftung); günstigeres Obst und Gemüse, gesunde Schulverpflegung.
Vorbilder: Norwegen (Public Health Act, Health in All Policies), Frankreich (nationale Strategie 2026 mit frühen Screenings inkl. familiärer Hypercholesterinämie und Neugeborenen-Screening), Dänemark (standardisierte, wohnortnahe Prävention), Niederlande (ähnlicher Plan).
Lipoprotein(a): bei Männern einmal im Leben messen, bei Frauen zweimal (vor und nach der Menopause); Kosten laut Schauder 15 bis 25 Euro.
Früherkennung: risikobasierter Ansatz mit Nutzen-Schaden-Abwägung; Werte müssen nachverfolgt werden – die ePA könnte zum Gamechanger werden.
Wearables: kein Ersatz für ärztlichen Rat – einmal im Jahr die eigenen Daten mit dem Arzt besprechen.
Forderung: ein nationales Programm zur Senkung des Blutdrucks, weniger Salz in Lebensmitteln und Gesundheit als Aufgabe aller Ressorts.
Kapitelmarken
- (00:00) Begrüßung und Vorstellung
- (02:10) Weltmeister im Reparieren: Warum das System Behandlung stärker belohnt als Vorbeugung
- (05:17) Der ImPuls Think Tank: Entstehung und Ziele
- (08:19) Aufklärung oder Regulierung? Werbebeschränkungen, Zuckerabgabe, Eigenverantwortung
- (12:30) Gesund muss bezahlbar sein: Preise nach Zuckergehalt staffeln
- (14:09) EU Safe Hearts Plan: Was Norwegen, Frankreich, Dänemark und die Niederlande anders machen
- (19:15) Früherkennung mit Augenmaß: Risikobasierter Ansatz und die ePA
- (22:21) Wearables: Selbstvermessung braucht ärztlichen Rat
- (24:12) Eine Maßnahme für die Bundesregierung: Nationales Blutdruck-Programm
- (26:53) Verabschiedung und Abmoderation
Zitate aus der Folge
„Unser System belohnt die Behandlung stärker als die Vermeidung."
„Nur eine gesunde Bevölkerung wird uns Wirtschaftswachstum bringen können."
„Wir wollen nicht, dass dadurch mehr Menschen Patienten werden, sondern wir wollen, dass mehr Menschen einfach gesund sind."
Über Udo Schauder
Udo Schauder hat den Think Tank 2017 mit ins Leben gerufen und führt ihn heute gemeinsam mit Dr. Martina Kloepfer. Er studierte Medizin und war anschließend in verschiedenen leitenden Funktionen in der Industrie tätig und stand dem Patientenunterausschuss des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller vfa vor.
Über den ImPuls Think Tank Herz-Kreislauf
Der ImPuls Think Tank Herz-Kreislauf ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Berlin. Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören stärker in das Zentrum der Diskussion: wissenschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Der Think Tank führt ausgewiesene Experten aus Politik, Wissenschaft, Ärzteschaft, Krankenkassen, Verbänden, Patientenorganisationen, Ethik und Gesundheitswirtschaft zusammen, um die Aufmerksamkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in einem integrierten Ansatz auf unterschiedlichen Ebenen zu verbessern. Seit dem Start im Jahr 2017 ist die gesamtgesellschaftliche Initiative auf 29 Mitglieder gewachsen. Einzelpersonen ebenso wie Organisationen und Unternehmen aus dem Gesundheitswesen. Ihre Forderung, Vorbeugung politisch verbindlich zu verankern, ist auch der Ausgangspunkt dieses Gesprächs.
FAQ zur Folge Warum liegt Deutschland bei der Herzgesundheit nur im Mittelfeld? Laut Schauder ist es ein systemisches Problem: Das Gesundheitssystem belohnt die Behandlung stärker als die Vermeidung. Es wurzelt im Krankenversicherungsgesetz von 1883, das die Arbeitsfähigkeit in den Mittelpunkt stellte – nicht die Gesunderhaltung. Hinzu kommen große soziale Unterschiede bei den Risikofaktoren und die Schwierigkeit, den Erfolg von Prävention nachzuweisen: Ein verhinderter Herzinfarkt 20 Jahre später ist nicht sichtbar, eine Operation schon.
Welche Ziele setzt der EU Safe Hearts Plan? Bis 2035 sollen 75 % der 25- bis 64-Jährigen und 90 % der über 65-Jährigen jährlich den Blutdruck messen lassen; ähnliche Zielquoten gibt es für Cholesterin und Blutzucker. Die Mitgliedstaaten sollen daraus nationale Herz-Kreislauf-Pläne entwickeln.
Was machen Norwegen und Frankreich anders? Norwegen hat mit dem Public Health Act festgelegt, dass Gesundheit in allen staatlichen Ressorts umgesetzt werden muss (Health in All Policies). Frankreich hat 2026 eine nationale Strategie gegen Herz-Kreislauf- und neurovaskuläre Erkrankungen beschlossen, die auf frühe Screenings setzt – einschließlich familiärer Hypercholesterinämie und eines Neugeborenen-Screenings.
Welche eine Maßnahme empfiehlt Schauder der Bundesregierung? Ein nationales Programm zur Senkung des Blutdrucks in der Bevölkerung, kombiniert mit weniger Salz in Lebensmitteln. Bluthochdruck ist ein Riesenrisikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall – und bleibt als „stiller Killer" oft unbemerkt. Ziel sei nicht, mehr Menschen zu Patienten zu machen, sondern mehr Menschen gesund zu halten.
Links und weiterführende Informationen
- ImPuls Think Tank Herz-Kreislauf e.V.: https://herzkreislauf-impuls.de
- EU Safe Hearts Plan – Mitteilung der Europäischen Kommission (COM(2025) 1024, 16.12.2025): https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:52025DC1024
- Norwegen: Public Health Act (englische Übersetzung, regjeringen.no): https://www.regjeringen.no/globalassets/upload/hod/hoeringer-fha_fos/123.pdf
- Frankreich: Loi n° 2026-668 – stratégie nationale de lutte contre les maladies cardio-neuro-vasculaires (Dossier des Sénat): https://www.senat.fr/dossier-legislatif/ppl25-529.html
- Statistisches Bundesamt: Krankheitskosten 2023 – Kreislauferkrankungen 64,6 Mrd. Euro: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_293_236.html
- EinBlick bei Berlin-Chemie: https://gesundheitsmanagement.berlin-chemie.de/einblick
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